Deutsches Literaturarchiv Marbach seit 1955: Wie sich das DACH-Literatur-Archiv organisiert
Auf der Schillerhöhe oberhalb des Neckars bewahrt das Deutsche Literaturarchiv seit siebzig Jahren die Nachlässe der deutschsprachigen Literatur. Eine institutionelle, ökonomische und editionsphilologische Rekonstruktion eines Archivs, das längst zur Infrastruktur der DACH-Geisteswissenschaften gehört.
Das Deutsche Literaturarchiv Marbach wird am 10. Juni 1955 als Abteilung des Schiller-Nationalmuseums gegründet, gewinnt 1973 organisatorische Eigenständigkeit als „Deutsches Literaturarchiv” innerhalb der Deutschen Schillergesellschaft und ist heute — mit dem Literaturmuseum der Moderne (Eröffnung 6. Juni 2006, Architekt David Chipperfield) und dem Schiller-Nationalmuseum (Wilhelm Bohnacker, 1903) — eine der drei zentralen Säulen der literarischen Infrastruktur des deutschsprachigen Raums. Die beiden anderen, zur orientierenden Verortung: das Schweizerische Literaturarchiv in Bern (seit 1989 in der Schweizerischen Nationalbibliothek) und das Österreichische Literaturarchiv in der Österreichischen Nationalbibliothek Wien (seit 1996).
Die institutionelle Konstruktion
Träger ist die Deutsche Schillergesellschaft, ein 1895 gegründeter eingetragener Verein mit Sitz in Marbach am Neckar. Die Gesellschaft hat heute rund 3.500 persönliche und institutionelle Mitglieder; sie unterhält das Archiv im Verbund mit den drei wesentlichen Finanziers: der Bundesrepublik Deutschland (Bundesbeauftragte für Kultur und Medien), dem Land Baden-Württemberg und dem Landkreis Ludwigsburg. Die jährliche Grundfinanzierung beläuft sich nach den veröffentlichten Geschäftsberichten der letzten Jahre auf etwa 22 bis 25 Millionen Euro; hinzu kommen Drittmittel der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG), der VolkswagenStiftung, der Alfried Krupp von Bohlen und Halbach-Stiftung sowie der Fritz Thyssen-Stiftung, die einzelne Editions- und Erschließungsprojekte tragen.
Die Konstruktion — Verein als Träger, öffentliche Hand als Hauptfinanzier — ist im internationalen Vergleich ungewöhnlich. Sie unterscheidet sich strukturell von Modellen, bei denen das Archiv direkter Teil einer Nationalbibliothek ist (Bern, Wien, Paris), und von Modellen, bei denen Universitäten oder Akademien Träger sind (Walter-Benjamin-Archiv der Berliner Akademie der Künste seit 2004, Adorno-Archiv der Goethe-Universität Frankfurt seit 2003). Die Marbacher Konstruktion gibt der Geschäftsführung — derzeit Sandra Richter, in der Nachfolge von Ulrich Raulff (2004–2018) und Ulrich Ott (1973–2004) — eine vereinsrechtliche Souveränität, die programmatische Spielräume eröffnet.
Die Sammlungsstrategie
Marbach sammelt nicht enzyklopädisch, sondern programmatisch. Der Schwerpunkt liegt auf der deutschsprachigen Literatur seit 1750, mit besonderer Verdichtung im 20. Jahrhundert. Die Sammlung umfasst rund 1.400 Nachlässe und Teilnachlässe, etwa 500 institutionelle Vor- und Verlagsarchive (darunter Cotta, Suhrkamp, Hanser Teilbestände, Kiepenheuer & Witsch Teilbestände), rund 4 Millionen Bücher und Zeitschriften sowie Bild-, Ton- und Filmmaterial in der Größenordnung von etwa 1,5 Millionen Objekten.
Die wichtigsten Nachlässe der literarischen Moderne sind in Marbach konzentriert: Stefan George (seit 1956), Hermann Hesse (seit 1962, schwerpunktmäßig 1985–1990), Hugo von Hofmannsthal (seit 1959, in Teilen über die Bibliotheca Bodmeriana in Cologny vermittelt), Else Lasker-Schüler (Teilnachlass), Joseph Roth (seit 1958, hauptsächlich über den Kiepenheuer & Witsch-Verlag erworben), Robert Musil (gemeinsam mit der Österreichischen Nationalbibliothek erschlossen), Alfred Döblin, Karl Wolfskehl. Aus der Frankfurter Schule und ihrem Umkreis kamen die Nachlässe von Siegfried Kracauer (1971 vom Witwen-Nachlass durch Lili Kracauer übergeben), Ernst Bloch (seit 1979), Hans Mayer (2002), Margarete Susman (1969).
Für die Nachkriegsliteratur sind die Nachlässe von Paul Celan (Teilnachlass, gemeinsam mit der Bibliothèque nationale de France erschlossen), Ingeborg Bachmann (komplexe Verteilung zwischen Marbach und der Österreichischen Nationalbibliothek), Gottfried Benn, Alfred Andersch, Heinrich Böll (Teilnachlass), Uwe Johnson, W. G. Sebald, Friederike Mayröcker (Teilnachlass), Peter Härtling von zentraler Bedeutung.
Die Editionsökonomie
Die ökonomische Bedeutung des Archivs für den literarischen Markt ist beträchtlich, wenn auch selten quantifiziert. Wer eine historisch-kritische Werkausgabe vorbereitet — etwa die Kracauer-Werkausgabe bei Suhrkamp (seit 2004, hrsg. Inka Mülder-Bach und Ingrid Belke), die Roth-Werkausgabe bei Kiepenheuer & Witsch, die Frankfurter Hölderlin-Ausgabe (hrsg. D. E. Sattler), die Stuttgarter Schiller-Ausgabe (seit 1943, im Cotta’schen Verlag) —, ist auf die Marbacher Bestände angewiesen. Die Bibliothek bietet im Lesesaal die Originaldokumente, das Digitalarchiv (seit 2014 systematisch ausgebaut) bietet hochauflösende Digitalisate, die Forschungsstelle koordiniert die langfristigen Editionen.
Der ökonomische Effekt ist mehrstufig: Verlage refinanzieren ihre Editionen durch Lizenzen, Verfilmungen und Übersetzungsrechte; Universitäten ziehen DFG-Mittel für Editions- und Erschließungsprojekte ein; freiberufliche Editorinnen und Editoren leben von Werkvertragsverhältnissen mit den Editionsprojekten. Das Archiv selbst ist nicht Akteur des literarischen Marktes im engeren Sinne — es verkauft keine Editionen, vergibt keine Rechte —, aber es ist die infrastrukturelle Voraussetzung eines beträchtlichen Marktsegments, dessen jährliches Umsatzvolumen im deutschsprachigen Raum auf eine niedrige zweistellige Millionensumme geschätzt werden dürfte.
Die Forschungsinfrastruktur
Neben der Editionsökonomie ist Marbach Forschungsinfrastruktur im engeren Sinne. Das Archiv vergibt jährlich rund 80 Marbach-Stipendien — finanziert über die Deutsche Forschungsgemeinschaft, die VolkswagenStiftung und private Stifter —, die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern aus dem In- und Ausland Aufenthalte von zwei bis sechs Monaten ermöglichen. Hinzu kommen die jährlichen Marbacher Sommerakademien, die Marbacher Magazin-Hefte (seit 1976, etwa 175 Bände, eine kondensierte Form der wissenschaftlichen Erstpräsentation einzelner Nachlässe), die Marbacher Kataloge (zu den Großausstellungen) und die Jahrbücher der Deutschen Schillergesellschaft (seit 1957, eines der wichtigsten germanistischen Periodika).
Die Internationalisierung der letzten zwanzig Jahre — durch die Beteiligung an europäischen Verbundprojekten (CENDARI, DARIAH), durch die Kooperation mit der Yale Beinecke Rare Book Library, der Bibliothèque nationale de France, der Houghton Library Harvard, der Bibliotheca Bodmeriana in Cologny — hat die Position Marbachs als europäisches Forschungszentrum für die Literatur der Moderne befestigt.
Die DACH-Architektur
Im Vergleich der DACH-Länder zeigt sich eine arbeitsteilige Architektur. Marbach konzentriert die deutschsprachige Hochliteratur des 19. und 20. Jahrhunderts mit Schwerpunkt auf der Bundesrepublik und auf den literarischen Migrationen zwischen den Sprachräumen. Das Schweizerische Literaturarchiv in Bern (seit 1989) bewahrt die schweizerische Literatur (mit Schwerpunkten auf Frisch, Dürrenmatt, Loetscher, Hohl) und arbeitet eng mit den kantonalen Bibliotheken zusammen. Das Österreichische Literaturarchiv in Wien (seit 1996) verwaltet die österreichischen Bestände — namentlich Bachmann, Bernhard, Handke, Jelinek, Jandl, Mayröcker (teilweise) — und kooperiert mit der Wienbibliothek im Rathaus für die Wiener Stadtliteratur.
Diese arbeitsteilige Architektur funktioniert unter dem Maßgabe einer relativ engen interinstitutionellen Kommunikation; die jährliche „Konferenz der deutschsprachigen Literaturarchive” (seit 2003) sichert die Koordination. Konflikte um einzelne Nachlässe — etwa um die Aufteilung des Bachmann-Nachlasses zwischen Marbach und Wien — werden in der Regel über bilaterale Vereinbarungen gelöst.
Was bleibt
Das Deutsche Literaturarchiv Marbach ist ein Modell. Es zeigt, dass ein literarisches Archiv weder bloßer Speicher noch bloßes Museum sein muss, sondern eine aktive Forschungsinfrastruktur, eine editionsökonomische Plattform und ein internationaler Knotenpunkt der germanistischen Wissenschaft sein kann. Dieses Modell verdankt sich einer langfristigen Förderpolitik des Bundes und Baden-Württembergs, einer programmatisch klaren Sammlungsstrategie und einer institutionellen Konstruktion, die wissenschaftliche Autonomie mit öffentlicher Verantwortung verbindet.
Wer als germanistische Forscherin, als Lektor, als Editorin oder als Doktorand auf der Schillerhöhe arbeitet, befindet sich in einer dieser raren Institutionen, in denen das deutschsprachige Bürgertum sich in den siebzig Jahren der Bundesrepublik eine kulturelle Infrastruktur geschaffen hat, deren funktionale Tragweite über die nationalstaatlichen Grenzen hinausreicht. Das Archiv ist, in dieser nüchternen Sicht, eine wirtschaftliche und wissenschaftliche Voraussetzung der DACH-Literatur — eine Voraussetzung, die nicht selbstverständlich ist und die ihre öffentliche Refinanzierung in jeder Haushaltsperiode neu zu rechtfertigen hat.