Bd. I · Heft 03 · Mai 2026

Feuilleton Magazin für Weimarer Kulturkritik, Filmtheorie und Massenkultur-Soziologie DACH
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Weimar · Mai 2026

Das Romanische Café 1916–1933: Wie der Charlottenburger Treffpunkt zur intellektuellen Klassik wurde

Zwischen Auguste-Viktoria-Platz und Tauentzienstraße entsteht im Ersten Weltkrieg jenes Kaffeehaus, das bis 1933 die literarische und publizistische Berliner Öffentlichkeit beherbergt. Eine Topographie, eine Soziographie und eine Rekonstruktion der Gespräche, die dort geführt worden sein dürften.

Das Romanische Café eröffnet 1916 im Erdgeschoss und Souterrain des Romanischen Hauses, jenes 1899 nach Plänen Franz Schwechtens errichteten neuromanischen Doppelbaus, der östlich der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche zwischen Auguste-Viktoria-Platz (dem heutigen Breitscheidplatz) und Kurfürstendamm steht. Das Café übernimmt die Räumlichkeiten des Konditoreigeschäfts Café Romain und wird von der Aktiengesellschaft Kempinski betrieben. Die Lage — am westlichen Rand der City West, an der publizistisch wichtigsten Berliner Magistrale — bestimmt die soziale Geometrie des Hauses.

Die Topographie

Das Café gliedert sich in zwei Räume, die im Berliner Sprachgebrauch der zwanziger Jahre als „Schwimmer-” und „Nichtschwimmerbecken” geläufig werden. Das Schwimmerbecken — der vordere, größere Raum mit Blick auf den Auguste-Viktoria-Platz — ist Stammtischort der etablierten Schriftsteller, Journalisten und Maler; das Nichtschwimmerbecken — der hintere, dunklere Raum — beherbergt die jüngeren, die noch ankommenden, die nicht aufgenommenen. Diese architektonische Zweiteilung kodiert ein soziales Schichtungssystem, dessen Übergänge fließend, aber kalkulierbar sind.

Zur Ausstattung gehören Marmortische, Wiener Bugholzstühle, Spielzimmer für Schach und Skat, eine Galerie der wichtigsten Zeitungen — bis zu 120 in- und ausländische Blätter sollen aufgelegen haben — sowie ein Telefon, das für die journalistische Berliner Korrespondenz so zentral ist, dass mehrere Pariser und Wiener Blätter ihren Berliner Vertretern offiziell die Café-Adresse als Geschäftsanschrift nennen. Das Café ist von 8 Uhr morgens bis 3 Uhr nachts geöffnet; der Mokka kostet 1928 dreißig Pfennig, das Frühstück eine Mark zwanzig.

Die Soziographie

Die literarisch-publizistische Soziographie des Hauses ist außergewöhnlich dicht. Else Lasker-Schüler, die im Berlin der zehner und zwanziger Jahre ohne festen Wohnsitz lebt, nutzt das Romanische Café als faktische Postanschrift; ihr Stammtisch im Schwimmerbecken ist literarische Institution. Kurt Tucholsky verkehrt zwischen seinen Paris-Aufenthalten in den frühen zwanziger Jahren regelmäßig im Café, ebenso Joseph Roth während seiner Berliner Zeit 1920–1925, Alfred Polgar während seiner Berliner Korrespondententätigkeit für die Wiener „Weltbühne”, Stefan Großmann, Sylvia von Harden (die Otto Dix 1926 in seinem berühmten Portrait dort platziert), Walter Mehring, Erich Kästner ab 1927, der frühe Bertolt Brecht.

Die bildende Kunst ist vertreten durch George Grosz, Otto Dix, Rudolf Schlichter, Max Slevogt, Lovis Corinth; die Theaterszene durch Max Reinhardts Mitarbeiter, durch Erwin Piscator, durch die Schauspielerinnen und Schauspieler der Reinhardt-Bühnen am Schiffbauerdamm und am Schumannplatz. Aus der publizistischen Sphäre erscheinen die Berliner Korrespondenten der Frankfurter Zeitung — Bernard von Brentano, ab 1930 zeitweise Siegfried Kracauer —, die Redakteure des Berliner Tageblatts (Theodor Wolff selbst seltener, sein Stellvertreter Erich Dombrowski regelmäßiger), die Mitarbeiter der Weltbühne unter Carl von Ossietzky.

Aus der akademischen Sphäre verkehren Schriftsteller-Wissenschaftler wie Walter Benjamin (besonders 1928–1932, parallel zu seinen Aufenthalten im Reinhardt-Hotel), die jungen Soziologen Karl Mannheim und Norbert Elias während ihrer Habilitations- und Vorhabilitationsphasen, der Philosoph Ernst Bloch in den Berliner Zwischenphasen seiner ständigen Wanderschaft.

Die Gespräche

Was wurde im Romanischen Café gesprochen? Die Quellenlage erlaubt nur indirekte Rekonstruktion. Tagebücher (Harry Graf Kessler), Memoiren (Hermann Kesten, Walter Mehring, Wieland Herzfelde), Korrespondenzen (besonders die zwischen Benjamin und Scholem, zwischen Roth und Brentano, zwischen Tucholsky und Mary Gerold) zeichnen das Bild einer hochgradig durchlässigen Öffentlichkeit, in der literarische Verabredungen, journalistische Manuskriptübergaben, theaterpolitische Bündnisse und ästhetische Debatten ineinandergreifen.

Die Inhalte der Gespräche dürften — so wäre im Konjunktiv I die Rekonstruktion zu fassen — die zentralen Debatten der späten Weimarer Republik gewesen sein: die Krise des bürgerlichen Romans (Döblin, Musil, Broch), die Bedeutung des Tonfilms (ab 1929), die politische Verschiebung nach der Reichstagswahl von September 1930, die Stellung des Schriftstellers zur kommunistischen Bewegung und zur sozialdemokratischen Reformpolitik, die Reorganisation des Theaters unter den Bedingungen sinkender öffentlicher Subventionen, der Aufstieg der nationalsozialistischen Bewegung und die Frage des Exils.

Diese Gespräche sind nicht protokollarisch dokumentiert. Was bleibt, sind die Spuren in den publizistischen und literarischen Produktionen — die Verweise, die Anspielungen, die wechselseitigen Buchbesprechungen, die personellen Konstellationen, die sich im Café anbahnen und in den Redaktionen, Verlagen und Theatern realisieren.

Der Bruch 1933

Die Gleichschaltung trifft das Romanische Café in zwei Wellen. Im Frühjahr 1933 verlassen die jüdischen, kommunistischen und linksliberalen Stammgäste Berlin: Tucholsky war bereits seit 1929 in Schweden, Roth verlässt am 30. Januar 1933 (am Tag von Hitlers Ernennung zum Reichskanzler) Berlin Richtung Paris, Benjamin folgt im März, Brentano geht in die Schweiz, Kracauer und seine Frau Lili nach Paris, Brecht über Prag nach Dänemark. Die Stammtische lösen sich auf, der Betrieb wird auf eine bürgerlich-nationale Klientel umgestellt.

In der zweiten Welle verliert das Café seine publizistische Funktion endgültig: Die Berliner Korrespondentenposten werden in den Jahren 1933–1935 entweder durch ideologisch konforme Mitarbeiter neu besetzt oder bei Schließung der jeweiligen Blätter aufgelöst. Das Café besteht als gewöhnliches Caféhaus bis zur Zerstörung des Romanischen Hauses durch alliierte Luftangriffe in den Nächten vom 22. zum 23. November 1943. Die Ruine wird in den fünfziger Jahren abgetragen; an ihrer Stelle entstehen das Europa-Center (1965) und die rekonstruierte Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche.

Die Topographie heute

Wer heute am Breitscheidplatz steht, sieht keine Spuren des Romanischen Cafés mehr. Die Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche von Egon Eiermann (1959–1961) und das Europa-Center von Helmut Hentrich und Hubert Petschnigg (1963–1965) haben die Vorkriegstopographie ersetzt; eine Berliner Gedenktafel am Europa-Center erinnert seit 1988 an das Café. Die soziale Geometrie — der Ort als Knotenpunkt einer publizistischen Öffentlichkeit zwischen Tageszeitung, Verlag und Theater — ist in der gegenwärtigen Berliner Topographie nicht mehr repräsentiert.

Die historische Forschung verfügt seit etwa zwanzig Jahren über mehrere monographische Studien — Jürgen Schebera „Damals im Romanischen Café” (1988, erweiterte Neuauflage 2005), Hans Wilderotter „Das Romanische Café” (Ausstellungskatalog der Akademie der Künste 2014) —, die Topographie, Soziographie und Wirkungsgeschichte erstmals systematisch rekonstruieren. Die einschlägigen Materialien liegen verstreut: in den Korrespondenzen am Deutschen Literaturarchiv Marbach (Roth, Kracauer, Benjamin im Walter-Benjamin-Archiv der Akademie der Künste seit 2004), im Tucholsky-Archiv in Rheinsberg, im Stadtmuseum Berlin und im Landesarchiv Berlin.

Was bleibt

Das Romanische Café ist nicht restaurierbar. Sein institutionelles Geheimnis — die Durchlässigkeit zwischen literarischer Produktion, journalistischer Korrespondenz, theaterpolitischer Praxis und akademischer Reflexion — verdankte sich einer historisch singulären Konstellation: einer publizistisch hochverdichteten Innenstadt, einer ökonomisch tragfähigen Caféhauskultur und einer jüdisch-bürgerlichen Intelligenz, die bis 1933 die Berliner Öffentlichkeit prägte und in den Jahren 1933–1941 ins Exil oder in den Tod ging. Was bleibt, ist die Form der Topographie: der Ort als Knotenpunkt einer publizistischen Öffentlichkeit, in dem die Trennlinien zwischen den Sphären porös werden. Diese Form ist in der gegenwärtigen Berliner Cafékultur — vom Café Einstein in der Kurfürstenstraße bis zu den Mitte-Cafés der nuller Jahre — nur in fragmentierten Anklängen präsent, ohne dass sich eine vergleichbare Verdichtung je wieder hergestellt hätte. Das ist kein Defizit der Gegenwart, sondern Hinweis auf die historische Singularität einer Konstellation, die ihre Bedingungen mit sich riss.


Ressort: Weimar