Bd. I · Heft 03 · Mai 2026

Feuilleton Magazin für Weimarer Kulturkritik, Filmtheorie und Massenkultur-Soziologie DACH
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Soziologie · Mai 2026

„Das Ornament der Masse" 1927: Wie das Tiller-Girls-Ornament zur Massenkultur-Klassik wurde

Am 9. und 10. Juni 1927 erscheint im Feuilleton der Frankfurter Zeitung jener zweiteilige Aufsatz, der bis heute als Gründungsdokument einer soziologisch reflektierten Massenkulturanalyse gilt. Eine Rekonstruktion seines Arguments, seines Kontextes und seiner Wirkung.

Der Aufsatz „Das Ornament der Masse” ist ein zweiteiliger Beitrag von rund neun Druckseiten, der am 9. und 10. Juni 1927 im Feuilleton der Frankfurter Zeitung erscheint und 1963 — zusammen mit zwölf weiteren Essays aus den späten zwanziger und frühen dreißiger Jahren — als Sammelband bei Suhrkamp veröffentlicht wird. Die Sammelband-Edition, von Karsten Witte besorgt und mit einem programmatischen Nachwort des Autors versehen, etabliert den Aufsatz als Schlüsseltext einer eigenständigen deutschen Massenkulturtheorie.

Der Gegenstand

Ausgangspunkt des Essays ist eine kulturelle Beobachtung: die rhythmisierten Massenchoreographien der „Tiller Girls”, einer britischen Revue-Truppe, die 1924 erstmals in Berlin auftritt und zwischen 1925 und 1932 die Bühnen von Haller-Revue, Wintergarten, Großem Schauspielhaus und Admiralspalast prägt. Die Girls — meist sechzehn bis vierundzwanzig Tänzerinnen — vollführen geometrisch exakte Synchronchoreographien: Linien, Kreise, Sterne, Wellen. Die einzelne Tänzerin ist austauschbar, ihr Körper Bauteil eines Musters, das nur aus der Distanz lesbar wird.

Der Essay nimmt das Tiller-Ornament als Symptom einer historischen Konstellation. Die Massenornamente, so der Befund, seien „der ästhetische Reflex der von dem herrschenden Wirtschaftssystem erstrebten Rationalität” — sie machten sichtbar, was die taylorisierte Fabrikarbeit, die fordistische Fließbandproduktion und die bürokratisch organisierte Großstadtverwaltung als Sozialform durchsetzten. Das Ornament sei zugleich ein Symptom der Verdinglichung (weil es den einzelnen Körper zum Funktionselement degradiere) und ein Symptom der ästhetischen Form (weil es eine genuin moderne Schönheit erzeuge, die im Rang nicht hinter den überlieferten Ornamenten der höfischen Kultur zurückstehe).

Das Argument

Die methodische Pointe des Essays liegt in seiner doppelten Bewegung. Einerseits dechiffriere der Autor — so wäre im Konjunktiv I zu referieren — das Ornament als Ausdruck der kapitalistischen Rationalisierung; andererseits aber bewahre er es vor der einfachen ideologiekritischen Liquidierung. Das Ornament sei nicht einfach „falsch”, weil es die Verdinglichung sichtbar mache; es sei vielmehr die einzige Form, in der die Verdinglichung sich selbst als Phänomen wahrnehmbar werde. Wer das Ornament der Masse verachte, weil es die Würde des individuellen Körpers verletze, verkenne, dass die moderne Massenkultur überhaupt die einzige Sphäre sei, in der die historische Wahrheit der industriellen Gesellschaft figural Gestalt annehme.

Diese dialektische Konstruktion — Massenkultur zugleich ernstnehmen und kritisieren — unterscheidet den Essay sowohl von der konservativen Kulturkritik der zwanziger Jahre (Spengler, der frühe Heidegger, später Jünger) als auch von der naiven Massenkultur-Apologie (etwa bei den Aktivisten der Berliner Revue-Szene um Erik Charell und Hermann Haller). Die Konstruktion bereitet methodisch jene Position vor, die Theodor W. Adorno und Max Horkheimer 1944 in der „Dialektik der Aufklärung” — namentlich im Kapitel „Kulturindustrie” — radikalisieren und teilweise umkehren werden: Während der Frankfurter Zeitungs-Beitrag von 1927 dem Ornament noch eine erkenntnisförmige Funktion zubilligt, verschärft die spätere Studie die Kritik bis zur These der affirmativen Verblendung.

Der Kontext

Der Essay steht in einem dichten Netzwerk zeitgenössischer Studien zur Massenkultur und Massenpsychologie. Hervorzuheben sind Béla Balázs’ „Der sichtbare Mensch” (1924) und „Der Geist des Films” (1930) zur Filmkultur, Helmut Plessners „Grenzen der Gemeinschaft” (1924) zur Soziologie der Öffentlichkeit, Emil Lederers Studien zu den neuen Mittelschichten (insbesondere „Die Privatangestellten in der modernen Wirtschaftsentwicklung” von 1912 und seine Fortschreibungen in den zwanziger Jahren), Hans Speiers „Die Angestellten vor dem Nationalsozialismus” (1934, im schwedischen Exil verfasst). Auch die Berliner Untersuchungen des Forschungsinstituts für Sozialwissenschaften unter Carl Grünberg sowie die frühen Arbeiten von Karl Mannheim („Die Bedeutung der Konkurrenz im Gebiete des Geistigen”, 1928) gehören in diesen Kontext.

Innerhalb dieses Netzwerks markiert der Aufsatz „Das Ornament der Masse” eine spezifische Position. Während Balázs filmpsychologisch, Plessner anthropologisch, Lederer wirtschaftsstatistisch arbeitet, verbindet der Essay die feuilletonistische Beobachtung kultureller Phänomene mit einer geschichtsphilosophischen Reflexion auf die Form der industriellen Moderne. Diese Verbindung ist genuin journalistisch — sie wäre in einer akademischen Monographie kaum unterzubringen — und zugleich theoretisch tragfähig genug, um in die spätere Frankfurter Schule eingehen zu können.

Die Wirkung

Die unmittelbare Wirkung des Aufsatzes 1927 ist gering. Die Feuilleton-Leser der Frankfurter Zeitung registrieren den Beitrag, ohne ihn als Manifest zu lesen; die wenigen Reaktionen — etwa eine zustimmende Notiz Walter Benjamins in einem Brief an Gershom Scholem vom 12. Juli 1927 — bleiben privat. Die akademische Soziologie der späten Weimarer Republik nimmt den Essay nicht wahr; er erscheint in keinem soziologischen Fachorgan, wird in keiner Festschrift abgedruckt.

Die Wirkung beginnt 1963 mit dem Sammelband. In der Bundesrepublik der frühen sechziger Jahre — der zweiten Phase der Studentenbewegung, der Wiederentdeckung der Weimarer Linksintellektuellen, der Etablierung der Frankfurter Schule als akademischer Position — wird „Das Ornament der Masse” zur Referenztext einer kritischen Soziologie der Massenkultur. Karsten Wittes editorische Arbeit, Inka Mülder-Bachs Habilitation „Die Geste der Verleihung” (1985), Heide Schlüpmanns kinematographische Studien der achtziger und neunziger Jahre etablieren den Aufsatz als methodischen Maßstab.

Internationale Resonanz erreicht der Text durch die englische Übersetzung „The Mass Ornament” (Harvard University Press 1995, hrsg. von Thomas Y. Levin), die ihn der amerikanischen cultural studies, der filmwissenschaftlichen Diskussion um Miriam Hansen und Tom Gunning und der britischen Visual Culture Studies (Norman Bryson, Peter Wollen) erschließt. Die englische Edition macht sichtbar, dass der Essay eine genuin transnationale Wirkung entfalten konnte, weil sein Gegenstand — die industriell rationalisierte Massenkultur — selbst transnational war.

Was bleibt

Was bleibt von „Das Ornament der Masse” für die gegenwärtige Soziologie? Drei Befunde lassen sich konjizieren. Erstens: Der Essay zeigt, dass die Soziologie der Massenkultur nicht in der quantitativen Erhebung von Konsumverhalten aufgeht, sondern auf die Form der kulturellen Artefakte selbst zugreifen muss. Zweitens: Er demonstriert, dass die ästhetische Form (das Ornament, die Choreographie, der Bildaufbau) eine soziologisch lesbare Sprache ist, die nicht in eine außerästhetische Tiefenstruktur übersetzt werden muss. Drittens: Er verteidigt einen Begriff von Kritik, der weder affirmativ noch denunziatorisch ist, sondern die kulturellen Phänomene zugleich ernst nimmt und in ihrer historischen Bedingtheit dechiffriert.

Diese drei Befunde sind in der gegenwärtigen Soziologie — von der Bourdieu-Schule über die deutschsprachige Cultural Studies (Stuart Halls Hamburger und Berliner Rezeption) bis zur soziologisch informierten Bildwissenschaft — präsent. Der Essay selbst, knapp einhundert Jahre nach seinem Erscheinen, liest sich als Modell einer Form, die zwischen Tageszeitung und Theorie operiert — eine Form, die für die deutschsprachige Kulturpresse seither nicht mehr selbstverständlich, aber auch nie ganz verloren gegangen ist.


Ressort: Soziologie