Bd. I · Heft 03 · Mai 2026

Feuilleton Magazin für Weimarer Kulturkritik, Filmtheorie und Massenkultur-Soziologie DACH
← Magazin 03. Mai 2026
Feuilletonistik · Mai 2026

Das Feuilleton der Frankfurter Zeitung 1924–1933: Wie die Reifenberg-/Gubler-Welt die Weimar-Kulturkritik prägt

Zwischen Schopenhauerstraße und Großer Eschenheimer Gasse entsteht in den späten zwanziger Jahren jenes Feuilleton, das bis heute als Maßstab der deutschsprachigen Kulturkritik gilt. Eine Rekonstruktion der Redaktionsverhältnisse, der publizistischen Linie und der ökonomischen Voraussetzungen.

Die Frankfurter Zeitung, gegründet 1856 von Leopold Sonnemann als „Geschäftsbericht” der Frankfurter Börsenmakler, entwickelt sich im Verlauf von sieben Jahrzehnten zu jener bürgerlich-liberalen Tageszeitung, deren Feuilleton in der späten Weimarer Republik europäischen Rang beansprucht. Zwischen 1924 und 1933 — zwischen der Währungsstabilisierung und der Gleichschaltung — formiert sich in der Redaktion an der Großen Eschenheimer Gasse jene Konstellation, die die deutschsprachige Kulturkritik bis weit in die Bundesrepublik prägt.

Die Redaktionsstruktur

Benno Reifenberg, geboren 1892 in Oberkassel, übernimmt 1924 die Leitung des Feuilletons. Sein Stellvertreter Friedrich T. Gubler, ein Schweizer Germanist, der 1930 nach München wechselt, prägt die Linie ebenso wie der Pariser Korrespondent Friedrich Sieburg. Bernard von Brentano berichtet ab 1925 aus Berlin, der junge Joseph Roth — bereits durch seine Reportagen aus dem sowjetischen Russland bekannt — schreibt von 1923 bis 1932 für das Blatt, zunächst als Berliner, dann als Pariser Korrespondent. Siegfried Kracauer, seit 1921 in der Redaktion, übernimmt nach Reifenbergs Bestellung zum Pariser Korrespondenten 1930 die Berliner Feuilleton-Vertretung — eine Position, die er bis zu seiner Flucht im Februar 1933 hält.

Die Redaktion verfügt über eine ungewöhnliche personelle Tiefe: Walter Benjamin schreibt regelmäßig Buchbesprechungen und Essays, Ernst Bloch publiziert philosophische Glossen, Theodor Wiesengrund-Adorno (wie er sich bis 1943 zeichnet) trägt musikkritische Beiträge bei. Hinzu kommen Gastbeiträge von Hermann Hesse, Thomas Mann, Annette Kolb, Soma Morgenstern und — über die deutsch-jüdische Brücke nach Wien — Stefan Zweig und Karl Tschuppik. Diese Konstellation, in der sich akademisch geschulte Philologie, philosophische Spekulation und großstadtjournalistische Praxis durchdringen, ist publikationsgeschichtlich singulär.

Die ökonomischen Voraussetzungen

Die Zeitung gehört nach Sonnemanns Tod der Verlagsfamilie Simon-Sonnemann; ab 1929 hält die IG Farben über die Frankfurter Societäts-Druckerei die Mehrheit. Diese eigentümliche Konstellation — ein chemischer Großkonzern als faktischer Eigentümer einer linksliberalen Zeitung — sichert dem Feuilleton bis 1933 eine relative redaktionelle Autonomie, die andere Großblätter nicht mehr kennen. Die Auflage schwankt zwischen 80.000 und 100.000 Exemplaren, der Anzeigenanteil bleibt überdurchschnittlich, weil die Abonnentenschaft aus Industrie, freien Berufen und Bildungsbürgertum eine besonders zahlungskräftige Käuferschicht repräsentiert.

Die ökonomische Stabilität erlaubt es der Redaktion, mit ungewöhnlichen Formaten zu experimentieren. Roths Russland-Reportagen 1926, Kracauers serialisierte Soziologie-Studie „Die Angestellten” 1929 (publiziert zwischen 8. Dezember 1929 und 4. Januar 1930), Brentanos Berliner Korrespondenzen — sie alle setzen einen Reportage- und Essaystil voraus, der weder die Knappheit der Tageszeitung noch die Ausführlichkeit des Buchprojekts kennt, sondern jene Zwischenform, die später als „Frankfurter Schule der Reportage” rekonstruiert wird.

Die feuilletonistische Linie

Reifenberg formuliert in einem internen Memorandum von 1927 — überliefert im Nachlass am Deutschen Literaturarchiv Marbach — die redaktionelle Maxime: Das Feuilleton solle „weder akademisch noch populär” sein, sondern „eine dritte, journalistisch-gebildete Sprechweise” finden. Diese Programmatik unterscheidet das Feuilleton der Frankfurter Zeitung sowohl vom Berliner Tageblatt unter Theodor Wolff, das stärker politisch-tagesaktuell arbeitet, als auch von der Vossischen Zeitung, deren Feuilleton unter Monty Jacobs literaturhistorisch konzentrierter ist.

Die Linie wird besonders sichtbar in den Themenschwerpunkten: Filmkritik (Kracauer berichtet von der Berliner Filmpremiere des „Blauen Engels” am 1. April 1930, Roth schreibt über die ersten Tonfilme), Architekturkritik (Adolf Behne, Walter Curt Behrendt), Soziologie der Massenkultur (Kracauer, Bloch), Reisefeuilleton (Sieburg, Roth, Brentano). Das Feuilleton begreift sich nicht als Beiblatt zur politischen Berichterstattung, sondern als eigenständige analytische Form, die das Erscheinungsbild der Moderne diagnostiziert.

Der Bruch 1933

Die Gleichschaltung trifft die Frankfurter Zeitung später als andere Blätter, weil die IG Farben — abhängig von Exportbeziehungen — eine vorsichtige Distanz zum NS-Regime sucht. Reifenberg bleibt bis 1943 in der Redaktion, allerdings ohne nennenswerten publizistischen Einfluss. Die jüdischen oder als jüdisch gelesenen Mitarbeiter — Kracauer, Roth, Benjamin, Bloch, Brentano (der aus politischen Gründen ins Schweizer Exil geht), Adorno — verlassen Deutschland zwischen Februar 1933 und Sommer 1934. Die Frankfurter Zeitung erscheint bis zum 31. August 1943, dann verfügt Goebbels persönlich die Einstellung.

Was die Feuilleton-Redaktion in den späten zwanziger Jahren entwickelt hat — die analytische Reportage, die soziologisch grundierte Filmkritik, die philosophische Glosse — wird im Exil fortgeschrieben: in Roths Pariser Beiträgen für das „Pariser Tageblatt”, in Kracauers New Yorker „Caligari”-Studie, in Benjamins „Passagen-Werk”. Die Nachkriegspresse — namentlich die 1949 gegründete Frankfurter Allgemeine Zeitung, die sich publizistisch ausdrücklich in die Tradition der Frankfurter Zeitung stellt, ohne deren Rechtsnachfolger zu sein — knüpft personell wie programmatisch an die Reifenberg-/Gubler-Welt an: Reifenberg gehört bis 1958 zur FAZ-Herausgeberschaft, Karl Korn und Friedrich Sieburg prägen das Feuilleton der frühen Bundesrepublik.

Was bleibt

Die Konstellation von 1924 bis 1933 ist nicht restaurierbar. Sie verdankt sich einer historisch singulären Verbindung von ökonomischer Stabilität (durch die IG-Farben-Mehrheit), redaktioneller Konzentration (durch die geographische Bindung an Frankfurt), personeller Tiefe (durch die Verfügbarkeit einer ganzen Generation deutsch-jüdischer Intellektueller) und programmatischer Klarheit (durch Reifenbergs „dritte Sprechweise”). Was bleibt, ist die Form: das soziologisch grundierte, philosophisch informierte, sprachlich präzise Feuilleton, das die deutsche Kulturpresse bis heute als Maßstab kennt — gleichgültig, ob sich seine gegenwärtigen Vertreter dieser Genealogie bewusst sind oder nicht.

Wer heute das Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen, der Süddeutschen Zeitung, der Neuen Zürcher oder der Zeit aufschlägt, liest in einer Form, deren Grammatik in jener Frankfurter Redaktion zwischen Währungsstabilisierung und Gleichschaltung formuliert wurde. Die Wiederbegegnung mit dieser Form — durch Edition (etwa die laufende Roth-Werkausgabe bei Kiepenheuer & Witsch, die Kracauer-Werkausgabe bei Suhrkamp seit 2004) und durch Forschung (am Deutschen Literaturarchiv Marbach, am Walter-Benjamin-Archiv der Akademie der Künste seit 2004) — ist die genuine Aufgabe einer Kulturpresse, die ihre eigene Vergangenheit als Ressource und nicht als Last begreift.


Ressort: Feuilletonistik